Letzte Worte 23. September 2014 von Karl Vitalij Karamasow

Posted by on Nov 24, 2014 in Allgemein | No Comments

„Wieviel dieses Märchen von Christus uns und den Unseren genützt hat, ist allbekannt.“
(Angebl. Ausspruch des Papstes Leo X., gest. 1521)

Die von eiskalten britannischen Finanzmagiern irgendwo zwischen The City und Hogwarts über der Irischen See zusammengebrauten Winterstürme brausen einem gerade die letzten grauen Haare vom vor Gram und Kälte gebeugten Haupt, da dröhnt in der Ferne bereits das Gebell zähnefletschender Rentiere, begleitet von lieblichem Gling-Glo und dem Fluchen Knecht Ruprechts (der im Grunde seines Herzens doch ein Kutscher ist). Wobei es im Zuge der galoppierenden Amerikanisierung unseres Festtagskalenders, wo es dir bereits einen üblen Leumund im Sozialnetz eintragen kann, zu Allerheiligen nicht wenigstens einen blutbefleckten Kürbis auf dem Kopf getragen zu haben, gar nicht so unwahrscheinlich ist, dass wir in naher Zukunft als hausloses und daher tendenziell auch eher kaminloses und somit wieder mal abgehängtes Weihnachtsprekariat auf den Cola-Weihnachtsmann verzichten müssen, für den unsere schäbigen alteuropäischen Türen keine gangbare Option mehr darstellen.
Was mittelbar die Frage aufwirft: Benötigen wir überhaupt noch diese katholisch-karnevalistische Auszeit vom das Restjahr prägenden protestantisch verbissenen Arbeits- und Produktionseifer? Während letzterer seinen Lohn (und zwar weitgehend pausenlos) in sich selbst findet, gönnt man sich im Weihnachts-Karneval traditionell ein kurzes, strafloses Gegenteil-Wochenende, eine Kompensations- und Sündenorgie mit Präsentbacchanalien, Gänsemassakern und möglichst kurzkettiger Kohlenhydratvöllerei. Das entlastet die von moralischen und wirtschaftlichen Zwangslagen gepeinigten, auf Grund von Arbeitgebern, Herrgott, Ehepartnern angst-, krisen- und sorgengeschüttelten und das Jahr über doch arg angespannten Seelen und treibt sie umso williger in den erneut langandauernden Verzicht des Folgejahres, getrieben von heimlicher Vorfreude auf die nächste obrigkeitlich sanktionierte Kurzzeitemanzipation.
So oder ähnlich war es zumindest bisher. Aber ist nicht mit der Aufweichung der klassischen Arbeitsbiographien auch das Modell Karneval perdu? Ist nicht das lebenslange Schuften in Bergwerken, Klassenzimmern und Schweinemastanlagen, unterbrochen von Wochenenden (Bier), Jahresurlaub (Sangria) und hohen Feiertagen (Doppelkorn) mit der Sozialdemokratie ausgestorben? Wovon sollen sich denn der Berufsblogger, die Social Media Designerin und der Lifestyle-Ernährungs-Berater am Weihnachtsabend erholen? Oder andersherum: sind die nicht stets und ständig „auf Arbeit“? Das klassische Wochenende ist ja bereits vor Jahren von uns gegangen und ich fürchte: auch mit Weihnachten geht es über kurz oder lang zu Ende. Und wenn die letzte Kohlengrube eine Badeerlebnislandschaft und die letzte Stahlkocherei ein Indoor-Bürgerpark geworden sind, dann erinnert sich niemand mehr, warum er früher schon eine Woche vor Silvester sturzbetrunken war.

Klassiker des Tages:
„Das Leben muß wie ein kostbarer Wein mit gehörigen Unterbrechungen Schluck für Schluck genossen werden. Auch der beste Wein verliert für uns allen Reiz (…), wenn wir ihn wie Wasser hinunterschütten.“
(Ludwig Feuerbach, Schriftsteller und Mensch, 1834)