Letzte Worte 23. Januar 2015 von Karl Vitalij Karamasow

Posted by on Jan 26, 2015 in Allgemein | No Comments

„Life every man holds dear; but the brave man / Holds honour far more precious – dear.“ [„Das Leben gilt uns teu’r; doch teurer Mut / Hält Ehr‘ um vieles teurer, als das Leben.“]
(W. Shakespeare. Troilus und Cressida. 1609? Übers. v. Schlegel)

Kaum ist man vom Heiligen Klaus mit fleischähnlichen und zuckerpotenzierten Errungenschaften des zeitgenössischen Lebensmitteldesigns gestopft worden wie eine Mastgans, hat sich verletzungsfrei und mehr oder minder elegant durch die Schwarzpulverorgie ins frische Jahr plumpsen lassen, schon treiben einen Überdruss und gute Vorsätze wieder hinaus ins unentschlossene Nieselwetter. Aber siehe da, die Straßen sind bereits bis zum Erbrechen gefüllt mit den Tumben und Törichten dieser Welt, die einen verfrühten Narrentanz aufführen und man mag kaum entscheiden, über welche man sich stärker die Augen reiben soll.
Die Tumben haben sich in ihren Träumen als große Helden gesehen, lauern dem Regimentsschreiber vorm Küchenzelt auf, murksen ihn hinterrücks ab und hoffen damit an der Warteliste vorbei direkt in ihr persönliches Walhalla zu stürmen. Dafür aber, wenn wenigstens im Jenseits noch nicht der Irrsinn ausgebrochen ist, dürfte es allerhöchstens Backpfeifen von der türstehenden Walküre geben und ihre eigenen Ahnen sollten im Verein mit sämtlichen Kriegern der Geschichte, sofern sie nur eine Messerspitze Anstand besitzen, vor dieser Ehrlosigkeit erbleichen.
Die anderen verteidigen mal wieder das Abendland (diesmal scheint der Sultan vor Dresden zu stehen) je nach Gusto gegen orientalische Fleischspieße, ungermanische Beinkleider oder fehlende menschliche Wärme. Auch der Benzinpreis, Heinos schwarzlederne Reinkarnation sowie der Abstieg von Dynamo scheinen auf geheimnisvolle Weise aus dem Morgenland gesteuert zu werden. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Nur nicht zu laut, sonst kommt man womöglich zurück in die Klapse, wo einen die Außerirdischen wieder mit Gedankenstrahlen und Emotionszäpfchen traktieren und von den wirklichen Problemen dieser Welt (Heino, Benzinpreis, Dynamo) abzulenken versuchen.
Wenn mich nicht alles täuscht, gehören diese späten Verteidiger Wiens zu derselben Familie, die jedes Jahr aufs Neue den identitäts-, wenn nicht nationenstiftenden Sieg des Arminius in irgendeinem damals noch nicht ganz sächsischen Wald bejubeln, der die schrecklichen Römer und deren Zivilisation erfolgreich von uns fern hielt (und damit Geldwirtschaft, Wasserleitungen, Recht, Fußbodenheizung, Bäder, Bibliotheken etc. pp.) und uns noch einige Jahrhunderte länger in fellbekleideter Anmut in unseren kuschligen Erdhöhlen gönnte. Na, wenn das kein Grund zum Feiern ist.
Ob nun an Religion (nach Papa Freud ja eine „kollektive Zwangsneurose“) oder Okzidentitis erkrankt, ob tumb oder töricht, feige oder vernachlässigt: wahrscheinlich war es für beide Gruppen, aufgrund entgangenen bzw. übermäßigen Westfernsehens eine unvorstellbar schwere Kindheit. Wir wünschen baldige Genesung!

Klassiker des Tages:
„Das ist eben der Vorzug des germanischen Charakters unter allen übrigen, daß er seine Befriedigung in der eigenen Anerkennung des eigenen Wertes findet und kein Bedürfnis nach Vorrecht (…) hat (…).“
(Otto von Bismarck zu deutschen Studenten in Friedrichsruh; 01.04.1895)