Letzte Worte 23. April 2015 von Karl Vitalij Karamasow

Posted by on Mai 6, 2015 in Allgemein | No Comments

„Müßiggang, du heiliges Kleinod, einziges Fragment der Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.“
(Friedrich v. Schlegel, Sämtl. Werke, 1822-1825)

Als neben- und freiberuflicher Eckensteher und Flaneur der alten Schule hat man’s schwer heutzutage. Sonderlich in den großen Städten, wohin es alle, ob jung und bucklig oder wirr und schnucklig, rachitisch, kritisch, sodomitisch, zieht und drängt wie weiland die expropriierten englischen Bauern, als die Baumwollspinner den Kapitalismus erfanden. Die idyllischen Brandenburger Kiefernwälder sind ob der Landflucht inzwischen wieder menschenleer und verlassen, von vereinzelten Sommerfrischlern und depressiven Restkühen abgesehen, wie zu Fontanes Zeiten, dafür gleicht die Innenstadt von Groß-Berlin einer permanenten Protestdemonstration, vermutlich gegen den zunehmenden Platzmangel. Selbst durchreisende Fremde kommen von weither angebraust, um speziell an diesen Versammlungen teilzunehmen und schieben sich wie damals die frühkapitalistischen englischen Schafe (die seltsamerweise die Baumwollindustrie zum Blühen brachten und damit erst Manchester begründeten und hernach als Vorbild für den gutgemeinten Sozialismus dienten) in großen, blökenden Herden über die Schaumeile zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor, wo es, seien wir ehrlich, eigentlich nicht viel zu sehen gibt. Um sich bei all dem preußisch geraden Stein nicht zu Tode zu langweilen, ist der Fremde dabei auf kurioses Gerät verfallen und radelt, bierbiket, rikschat, e-triket oder segwayt sich zu unvergesslichen Stunden, bevor er einen Trabant streicheln darf und dabei sein Ampelmännchen-Shirt mit authentischer Currywurstsauce vollkleckert.
Für den modernen Spazier- und Müßiggänger wandelt’s und verweilt’s sich da eher stockend und im Zickzack um all die beweglichen Hindernisse mit ihren an Besenstiele geschraubten Bildtelefonen (jeder sein eigener Serienheld im persönlichen Youtube-Kanal). Da muss man zum Flanieren schon mal aufs Land fahren. Dort aber heißt das Wandern, wird von Gentlemen als Sport angesehen und Sport ist nichts für die Damen von Welt, also uns. Da stehen wir schon eher an den Ecken wie der gute Nante, aber an Ecken fehlt’s in j.w.d. erst recht. Nur Bäume für die Lehneriche dieser Erde (die sich überall anlehnen, damit das, wogegen sie sich lehnen, nicht unversehens umfällt: Laterne, Reichstag, Schutzmann; von letzterem nur bedingt toleriert). Und irgendwo in der Ruppiner Heide an einer Fichte lehnen, ist schon eher schräg (in jedem Sinne).
Machen wir’s also wie Proust und bleiben zum ausgedehnten (erträumten) Spaziergang ganz einfach im Bett. Da stößt man auch mit keinem Segway zusammen.

Klassiker des Tages:
„Gern neckt der Traum uns mit dem Widerspiele / Von dem, was wir am sehnlichsten uns wünschen.“
(Ernst Raupach, Die Hohenstaufen, 1837)