Letzte Worte
23. April 2012
von Karl Vitalij Karamasow
"Ich leb und waiß nit, wie lang,/ Ich stirb und waiß nit wann,/ Ich fahr und waiß nit wahin,/ Mich wundert, das ich froelich bin."
(Grabschrift d. Mag. Martinus v. Bibrach zu Heilbronn, gest. 1498)
Naja, so recht eigentlich wundern mich weder mein wie das Gehaltskonto eines Profifußballers überquellender Frohsinn, noch mein lautes Pfeifen, zu schweigen von dem übermütigen Die-Straße-entlang-Hopsen: denn nach jahrelanger Fron und ebenso pausenlosem wie unermüdlichem Einsatz ist es heute endlich soweit: ich habe einen Tag frei! Ich kann mich auf meinem urgemütlichen, himmelswolkenwatteweichen Diwan in die seidenen Kissen kuscheln und jedesmal, wenn ein Hauch von ausbrechendem Arbeitseifer mich anwehen und mit Sirenensüße zu fleißigem Tagwerk verführen möchte, wieder und wieder und stets aufs Neue nochmal umdrehen und vor lauter fröhlichem Freihaben in meinem Faulenzer- und Lotterbett rotieren wie ein Spanferkel an seinem Spieß.
Heute brauche ich nicht den allerkleinsten müden Gedanken an die Nöte und Sorgen des ganzen Erdkreises zu verschwenden, wie es mir sonst bereits vor dem Erwachen ein tägliches Bedürfnis und Ritual zu sein pflegt, keine pädagogischen Anstrengungen zu unternehmen, um die Jugendlichen dieser Welt von acht bis achtzig aus der reichgefüllten Schatzkammer meiner erfahrungsgetränkten Maximen und nützlichen Abschweifungen großzügig zu beschenken und vor allem, und diesen glücklichen Umstand weiß ich am allermeisten zu schätzen, brauche ich heute einmal keine dieser lästigen Kolumnen zu schreiben.
Gleich nachher, wenn ich mich aus dem frühligsduftenden, urlaubsweichen und wunschtraumwarmen Bett erhoben haben werde, will ich eine Brieftaube an meine Freunde, die Wortzwerge senden, die mir so lange Jahre treu und ohne Murren in ihrem Bergwerk gedient und nützliche Silben, funkelnde Formulierungen und glitzernde Sentenzen aus dem harten Stein des Dichterfelsens gemeißelt haben, auf dass sie auch einen Tag lang ihre niedlichen Spitzhacken in die Ecke stellen mögen, sich an den Händen fassen und Hei-ho singen - oder wonach ihnen sonst der Sinn stehen mag.
Wenn ich das erst erledigt habe, kann ich nach Herzenslust ins Kino gehen, lange frühstücken, aufs Land fahren, dicke Bücher lesen, angeln, Musik hören oder auch komponieren, wandern, tiefsinnige Gespräche führen, Golf und Halma und Verstecken spielen, ausschlafen und stundenlang aus dem Fenster schauen. Und darüber hinaus, hinterher und zusätzlich kann ich auch ganz einfach mal gar nichts tun. Überhaupt nichts, nada, niente, nicht das Geringste.
Da muss ich zusehen, dass ich das auch alles schaffe..
Klassiker des Tages:
"Die zwei Weisesten der Menschen, Sokrates und Christus, schrieben keine Zeile."
(Karl Jul. Weber, Demokritos, 1832-40)
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